Six Feet Under – Ein Essay (Teil 1 – Claire Fisher)

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Und noch einmal hat die beste Serie der Welt ihr Ende genommen und mich nicht nur heulend und sprachlos zurückgelassen, sondern mich wie es aussieht auch noch unfähig gemacht eine neue Serie in mein Herz zu lassen. Diesmal war das Erlebnis noch ein ganzes Stück intensiver als das letzte Mal, denn diesmal konnte ich sie vollständig und am Stück sehen, statt einmal die Woche und mit Pausen von einem Jahr zwischen den Staffeln. Ich habe mit den Fishers geliebt und gelebt. Ich habe sie mal weniger mal mehr gefühlt. Auf jeden Fall durfte ich einige Monate lang Teil der Familie sein.

Bei Six Feet Under geht es um weitaus mehr, als eine Familie die mit ihrem Bestattungsunternehmen das täglich Brot backt. Durch diese Grudthematik „Tod“, welche hier ständig und offensichtlich mitschwingt, kommt man natürlich nicht umhin sich auch mit den essenziellen Fragen des „Lebens“ zu beschäftigen. Um diese wichtigen Lebensinhalte aus möglichst vielen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten zu können, mussten die smarten SFU-Macher eine bemerkenswerte Charakterstudie entwickeln, die witzig, morbid und melancholisch zugleich ist. Und genau das funktioniert für mich einfach fabelhaft, denn ich brauche echte Menschen in Serien. Menschen die ich lieben kann, die ich bewundern und mit denen ich leiden kann. Es müssen Menschen sein mit denen ich jede Sekunde dieser 63 Stunden genießen kann.

Weil mir die Serie so viel bedeutet, und weil ich so viel dazu sagen möchte, habe ich natürlich lange darüber nachgedacht wie ich meine „Abhandlung“ zum Lieblingsstück der Fernsehgeschichte angehen soll. Am Ende empfand ich es als richtig, jedem dieser wunderbaren Charaktere, die ich 5 Staffeln lang, durch Freud und Leid begleitet habe, meine Verehrung kundzutun, denn es geht um sie alle gleichermaßen.

Ach, und wegen der Spoilerei … Ohne macht es nur halb soviel Spaß, ausserdem glaube ich nicht, dass sich jemand der die Serie nicht kennt so eine ewig lange Abhandlung durchlesen würde. Somit werde ich nach Herzenslust spoilern. Apropos ewig lang … damit sich der Artikel nicht ins Unendliche zieht, wird es (hoffentlich) mehrere Teile geben. Den Anfang macht der wichtigste aller Charaktere: Claire Fisher.

Claire und ihre einsame Welt

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Meine Verehrung-durchs-Schreiben-Reise beginnt nicht zufällig mit Claire Fisher. Nein, Claire macht den Anfang, weil sie diejenige ist die die Serie beendet, und sie somit, im Nachhinein betrachtet, zu ihrer persönlichen Geschichte macht. Sie ist auch diejenige, die in diesen 5 Jahren die eindrucksvollste Entwicklung durchmacht. Ihr Werdegang war zudem der mit dem ich mich während meiner ersten Sichtung am besten identifizieren konnte. Nun bin ich aber nicht mehr 20, und stecke nicht mehr mitten in meiner eigenen Evolution. Ich bin nicht mehr auf der Suche nach Erfüllung und Berufung. Das was Claire durchmacht habe ich längst hinter mir. — Das ist übrigens eines der wichtigsten Argumente, die Lieblingsserie alle paar Jahre neu zu sichten, denn man selbst verändert sich und somit auch der Fokus auf die Charaktere. — Die Figur Claire liebe ich trotzdem noch sehr, auch wenn die Empathie im Vergleich zu damals eine andere ist. Mein Mitgefühl wurde diesmal mehr David und Brenda zuteil, und in ein paar Jahren wird es vielleicht Ruth sein in deren Leben ich am besten hineinfühlen kann, und wenn ich dann tot bin … ihr wisst schon.

Was sehr auffällt ist, dass Claire stets alleine ist, in allem was sie tut. Sie wünscht sich Unterstützung von der Familie, aber ihr fehlt einfach die Verbundenheit zu anderen Familienmitgliedern. Wahrscheinlich das schwere Los des Nachzüglers. Am ehesten vertraut sie sich Nate an, wobei diese Vertrautheit auch meist sehr einseitig wirkt. Keiner unterstützt sie bei ihrer Karriere als Künstlerin und auch ihre Abtreibung muss sie ganz alleine bewältigen. Sie behält diesen schweren Part ihres Jungen Lebens bis zum Ende für sich. Im Prinzip hat keiner der anderen Fishers eine Vorstellung davon was in ihr vorgeht, was nach Nate’s Tod ganz deutlich zum Vorschein kommt.

Spannend finde ich auch die Tatsache, dass ich die Figur von Claire ganz anfangs, als sie noch ein Teenager ist, als sehr viel reifer und weiser empfunden habe als gegen Ende der Serie. Ihre Entwicklung geht in eine Richtung, die man sich nicht für sie gewünscht hat. Aber auch das macht die Serie zu etwas besonderem. Nicht jeder hier bekommt sein Happy End. Trotzdem ist Claire für mich die mit Abstand interessanteste und vielschichtigste Figur der Serie. An ihrer Seite erlebt und lernt man am meisten.

  • Ihre schönste Phase ist die, als sie mit der Kunstschule anfängt. Der einzige Lebensabschnitt in dem man sie richtig glücklich erlebt.
  • Die besten Partner sind Billy und Ted gleichermaßen, auch wenn sie beide nicht so richtig zu ihr passen, aber auch das ist es was Claire und ihren Charakter ausmacht, das ständige daneben greifen bei der Partnerwahl.
  • Die Phase in der ich sie am wenigsten verstehen konnte war die als mit Billy Schluss macht. Das war kalt und gefühllos, und für sie untypisch.

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Clair’s Beziehung zu Ruth ist für mich das schönste an dieser Rolle. Diese Aufs und Abs in der Mutter-Tochter Beziehung haben mich immer sehr mitgenommen. Ich habe mich vom Herzen gefreut, zum Teil sogar Freudentränen geweint, wenn die beiden es schafften eine richtig Innige Beziehung aufzubauen, und war sehr betrübt, als sie mal wieder auseinander brach. Schlussendlich finden sie sich dann aber endgültig, und ich bin sehr froh, dass die Geschichte so endet. Es war immer klar zu erkennen, dass sie sich brauchen. Und auch wenn man oft das Gefühl hat, dass die beiden Charaktere unterschiedlicher nicht sein könnten, ist es nur die Zeit in der sie aufwachsen die den Unterschied macht, denn im Grunde sind sie gleich, sie bekommen nur ungleiche Möglichkeiten vom Leben geboten.

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16 Gedanken zu “Six Feet Under – Ein Essay (Teil 1 – Claire Fisher)

  1. Hach ja, Claire ist schon eine sehr wandelbare Erscheinung. Ich muss gestehen, ich fand alle ihre Beziehungen ein wenig abgründig, außer die zu Edie (und nein, das hat nichts mit Männerphantasien zu tun). Diese Liaison war kurz, aber innig. Ich hätte ihr gern ein Happy End gegönnt. Aber zwei homosexuelle Beziehungen in einer Familie wäre dramaturgisch wohl too much gewesen.

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    1. Ich hätte mich auch sehr gefreut wenn das mit Edie was geworden wäre. Ich mochte es wie die beiden Frauen sich mochten, bis es dann zum tatsächlichen Versuch des Aktes kam. Das war dann leider so gar nich innig. 😉

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  2. Unglaublich! Dass ich tatsächlich jemanden kenne, der diese Serie so abgöttisch liebt wie ich und sie vor allem auch auf ganz ähnliche Weise erfährt. Auch ich identifiziere mich bei jedem Durchgang etwas mehr mit einer anderen Figur (wobei es ja eins der Kunststücke der Serie ist, dass man alle versteht, während sie doch auch ein Stück weit undurchschaubar und schwierig bleiben), beim ersten Mal natürlich am meisten mit Claire. Und wie Claire und Ruth permanent miteinander ringen, weil sie nicht erkennen, wie ähnlich sie sich sind, auch darin, sich nicht öffnen zu können, und schließlich doch noch Frieden schließen, ist wirklich mit das Schönste an dieser Serie.
    Ich bin allerdings eindeutig Team Russell, aber das ist ja nur eine nebensächliche Unstimmigkeit. 😉

    Der Schlüssel zu dieser Serie sind wirklich die Charaktere und ihre Lebenswege. Da macht es absolut Sinn, sie über diesen Weg zu knacken. Ich freue mich schon sehr auf die weiteren Folgen der Reihe.

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    1. 🙂 Leidenschaften zu teilen, ist noch schöner als sie alleine zu genießen.

      Russell hätte auf jeden Fall am besten zu ihr gepasst, und wäre die vernünftigste Wahl gewesen. Ich mag nur die starke Frau die sie ist, wenn sie mit Ted zusammen ist. Wie sie für ihre Meinung kämpft und zu sich selbst steht. Und ich mag die inspirierte, starke und selbstbewußte Künstlerin zu der Billy sie macht. Beziehungen sind für mich dann gut, wenn sie bei der Entwicklung helfen, auch wenn sie am Ende nur auf Zeit sind. Von Russell, als Künstler war sie immer ein bisschen eingeschüchtert, und fand sich selbst nie gut genug.

      Danke für deinen tollen Kommentar, ich fühle mich bestätigt und freue mich jetzt, dass ich die (wohl überlegte) Angehensweise der Beschreibung so gewählt habe. Werde auf jeden Fall schauen, dass ich die Reihe bis zum Ende durchziehe, das bin ich der besten Serie der Welt schuldig.

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      1. Russell ist auch eher eine persönliche Präferenz. 😉 Ich denke aber auch, dass Claire ihm am ähnlichsten ist, was es schwierig macht, wenn beide noch so ziellos sind. Allerdings ist sie bei Ted am entspanntesten sie selbst, weil sie ihn nicht beeindrucken oder etwas beweisen muss. Er ist auf jeden Fall die vernünftigste Wahl.

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  3. „Six Feet Under“ muss ich leider noch sehen… klingt wirklich alles toll, aber so richtig dazugekommen, mir die Serie anzuschauen, bin ich auch noch nicht. Steht aber auf jeden Fall noch auf meiner Liste.

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      1. Ich mag deine Sichtweise 😀 Ich will die ja auch noch sehen, vor allem, weil ich auch von so vielen immer höre, wie toll das Finale und überhaupt alles sein soll. Irgendwann… an einem verregneten Herbstwochenende… 😀

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  4. Schön, dass du gleich mit meiner Claire anfängst. Ich freue mich schon, wenn ich bei einem weiteren Wiedersehen mit den Fishers in 10 Jahren dann vielleicht auch langsam einen Perspektivwechsel berichten kann. Bisher hat sich von dem 15. bis jetzt zum 23. Lebensjahr nichts an meiner Identifikation mit Claire geändert. *lach*
    Ich werde dir sofort berichten, dann wenn ich neue Erkenntnisse habe.^^

    Ich persönlich bin kein Freund von Billy, einfach wegen seiner manipulativen Ader. Mein Liebling war immer Russell. ❤

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    1. Ja, unbedingt. Ich bin schon gespannt in welche Richtung es dich führt.

      Ach Russell fand ich auch immer sehr nett, und wäre an und für sich die vernünftigste Wahl. Ich hatte nur immer das Gefühl sie langweilt sich mit ihm.

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