‚Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)‘ und wie Filme überdimensionale Erwartungen erfüllen können

Das Gefühl einen Film so unbedingt sehen zu müssen …

… hatte ich das letzte mal bei „Boyhood„. Und da war das Gefühl nicht annähernd so intensiv, wie bei „Birdman“. Auch der Film selbst (und das obwohl ich ihn als nahezu perfekt empfunden habe) hat nicht so nachgewirkt wie „Birdman“.

Ich kann gar nicht genau sagen wann ich das erste Mal von „Birdman“ gehört habe, auch nicht wann der Wunsch aufkam ihn unbedingt sehen zu wollen, ich weiß nur wie es mich quasi schockiert hat, dass er in keinem Kino in meiner Umgebung gezeigt werden sollte. Es ist laut der Academy der beste Film des Jahres, und auf eine wirklich schlechte Kritik bin ich bisher auch noch nicht gestoßen. Er kommt sogar aus der Traumfabrik Hollywood und ist mit großen Stars gespickt … und trotzdem wollte ihn kein Kino zeigen. Muss man als Kinobetreiber tatsächlich bei einem Film wie „Birdman“ Angst haben kein Geld damit zu verdienen? Ist die Menschheit wirklich schon so verblödet, dass sie nur noch für effekteverseuchte Superhelden-Action, dämliche Komödien und Hausfrauen Buchverfilmungen ins Kino geht? Darf es denn kein bisschen Anspruch mehr sein? Warum streben die Menschen nicht nach Neuem, und wollen stattdessen den 56sten Film sehen mit ein und der selben Handlung, den immer gleichen Witzen oder dem selben langweiligen Happy End? Ich verstehe das nicht, wo bei mir doch genau das Gegenteil der Fall ist. Ich möchte doch, dass mich Kino überrascht, mich erfüllt, ich möchte dass der Film noch Tage nachwirkt, mich sogar als Mensch ein bisschen prägt, und nicht am nächsten Tag wieder vergessen ist.

Wie es kam, dass ich „Birdman“ doch sehen durfte

Einen Monat nach dem offiziellen Kinostart hat sich das kleine Kino RIO in Feldkirch erbarmt und hat beschlossen für ca. 10 Tage „Birdman“ zu zeigen. Sonntag Nachmittag 13:00 war es dann soweit, ich saß endlich im Kino, und es war mir tatsächlich gegönnt einen hochgelobten und mit Preisen überhäuften Film auf großer Leinwand zu sehen. Wie meine Erwartungen ausgesehen haben könnt ihr euch vorstellen. Für 2 kurze Stunden habe ich vergessen, dass es mitten am Tag war und die Sonne sich draußen endlich wieder in ihrem schönsten Glanz zeigte. Ich habe kurzfristig sogar vergessen wie tragisch meine aktuelle Kinosituation ist, und dass sie wohl so schnell nicht besser werden würde. Ich bin eingetaucht in die Geschichte über Riggan Thomson (Michael Keaton), einem ehemaligen Blockbusterschauspieler. Ich war dabei wie er als Bühnenschauspieler, Autor und Regisseur am Broadway sein Debüt gab, indem er Raymond Carvers Kurzgeschichte „What We Talk About When We Talk About Love“ zu inszenieren versuchte.

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Was habe ich erwartet

Nicht mehr und nicht weniger als den Besten Film, mit bester Regie, der besten und außergewöhnlichsten Kamera und dem besten Originaldrehbuch das das Jahr 2014 zu bieten hatte. Das aber ohne wirklich etwas über die Handlung im Detail zu wissen und ohne die Meinungen der Anderen zu kennen (die interessieren mich erst jetzt, nachdem ich mir meine eigene gebildet habe). Tja … solch große Erwartungen können natürlich jämmerlich in Grund und Boden getreten werden … müssen es aber glücklicherweise nicht!

Das Ergebnis der Sichtung

Der Film geht los und man ist sofort drin, man IST dieser gealterte Blockbusterschauspieler, der nicht nur für die Menschheit immer „Birdman“ sein wird, sondern auch selbst von seinem Alter Ego nicht mehr loskommt. Dieses „mittendrin, statt nur dabei“ Gefühl, von dem dieser Film lebt, ist unter anderem der unfassbar starken Kameraführung zu verdanken. Einen Film zu sehen in dem gefühlt kein einziger Schnitt stattfindet ist ein ganz neuen Erlebnis. Dieses Gerüst aus Kamera und der wunderbar inszenierten Geschichte wird von Antonio Sánchezs Musik perfekt gestützt. Das Raumfüllende Schlagzeug von dem Riggan quasi angetrieben wird und die malerischen Orchesterklänge wenn er wieder seine Mitte findet. Das alles lässt den Zuschauer nicht abschweifen, erlaubt ihm nicht, nicht einmal ganz kurz, auszusteigen. Man ist gefesselt, ist ein unverzichtbarer Teil davon … „The Show Must Go On“, geht einem immer wieder durch den Kopf. Es ist ein erfüllendes Luftanhalten, bist zum (wie ich finde, sehr passendem) Ende.

Wow … kann man zum Schluss nur noch ausatmend hauchen … was für ein außergewöhnliches Filmerlebnis. Erwartungen zu haben, die dann erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen werden, ist fantastisch! 

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29 Gedanken zu “‚Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)‘ und wie Filme überdimensionale Erwartungen erfüllen können

  1. Endlich hat es für dich geklappt ! Und ja, eine schöne Besprechung, in der es nicht um den Film an sich als vielmehr um dein Seherlebnis geht. Wer nach dem Lesen deiner Kritik den Film nicht schauen will, dem ist nicht zu helfen! 😉

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  2. Mich hat „Birdman“ damals auch mitgerissen, für einen Oscar-Film ist er überragend (wenngleich ich nicht finde, es ist tatsächlich der beste Film des Jahres usw.) und Michael Keaton hätte ich den Preis doch sehr gegönnt.

    Die meisten Filme kann ich ja in Pressevorführungen sehen, daneben habe ich aber das Glück, dass es hier in Bonn gleich zwei Kinobetreiber gibt, die sehr engagiert und mutig sind. Deshalb läuft fast alles zumindest einmal in der Woche als OmU und viele kleine Filme laufen wenigstens an einem oder zwei Tage der Woche. Nach der Oscar-Verleihung wurde sogar „Ida“ wieder gezeigt, obwohl es mittlerweile auf DVD gibt. Nun kann ich verstehen, dass man bei „Birdman“ skeptisch ist, wie er vom Publikum angenommen wird, es ist ja ein selbstreferentieller Film-Theater-Film über eine depressiven Schauspieler, der noch dazu viel Interpretationsraum offen lässt. Aber ich möchte weiterhin daran glauben, dass es zwischen all dem Wohlfühl-Arthouse und Riesenproduktionen noch ein Publikum dafür gibt. Und deshalb kann man nur hoffen, dass das Kino, das ihn bei Dir nun gezeigt hat, damit auch Erfolg hat.

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    1. Du hast Recht. Es ist „ ein selbstreferentieller Film-Theater-Film über einen depressiven Schauspieler, der noch dazu viel Interpretationsraum offen lässt“ und bestimmt nicht für jeden zugänglich. Ich dachte nur wenn er schon den „Oscar-Preisträger“ Stempel aufgedrückt bekommt würde er mehr Kinos und ein größeres Publikum ansprechen … auch wenn er am Ende nicht ankommt, die Kinokarten wären dann schon verkauft. 😉

      Ich hoffe auch sehr dass das Publikum für diese Art von Film noch lange erhalten bleibt und vielleicht in Zukunft noch mehr Menschen gute Filme zu schätzen wissen.

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  3. Schön, dass dich der Film begeistern konnte. Mir ging es genauso, ich fand ihn ebenfalls großartig.

    Ist es aber nicht bei Filmen so (ich hab das mal von Bekannten gehört, die ein Kino haben, bin aber nicht so ganz im Bilde), dass nur eine bestimmte Anzahl an Kopien zur Verfügung steht und somit überhaupt nicht jedes Kino die Chance bekommt, den Film zu zeigen? Sicher haben manche auch das Risiko gescheut, aber vielleicht hätten manche ja gerne gewollt, aber konnten nicht!?

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    1. Du kennst Leute, die ein Kino haben!!! Wie toll ist das denn! 😀 Ich will auch mal ein Kino haben …

      Ich kenne mich da zu wenig aus, aber könnte natürlich sein, dass es so ist. Ich weiß nur dass Cineplexx (große Kinokette in Österreich) z.B den Film schon Zeigt, nur die beiden bei mir nicht … darum habe ich eher das Gefühl dass sie nicht wollten, als dass sie nicht konnten. Auf jeden Fall ein interessanter neuer Ansatz, der zwar meine Situation nicht ändert, aber meinen Ärger etwas mildert. 😉

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  4. Es freut mich ja echt für dich, dass deine Erwartungen erfüllt worden. War bei mir leider überhaupt nicht so. Ich habe mich irgendwann echt gelangweilt. Ich fand Keaton und Norton toll und die allgemeine Machart, aber irgendwie war selbst die coole Kamera auch nur ein Gimmick. Ein nettes Gimmick, was mir aber auch nicht mehr eingebracht hat.

    Ich fand auch die Dialoge und das, was über Hollywood gesagt wurde, war irgendwie nichts, was man nicht schon mal irgendwo anders gehört hatte. Zudem fand ich es schade, dass aus der Norton-Stone-Storyline so gar nichts gemacht wurde und auch dass Naomi Watts und Andrea Riseborough zu kurz gekommen sind.

    Es ist kein schlechter Film, aber ich finde ihn leider auch irgendwie überbewertet, weil er mir leider auch nicht das gegeben hat, was ich mir erhofft hatte (was auch immer das bei meinen großen Erwartungen gewesen sein mag).

    Da tue ich mir selbst ein bisschen Leid, freue mich aber für dich, dass er dir gefallen hat. 😉

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    1. Ach Mensch … jetzt tust du mir auch ein bisschen leid, aber ist ja nicht so schlimm. Es gibt so viele andere Film die dir zusagen … Die Erwartungen. Nur selten werden sie erfüllt. Bei mir funktioniert es mit dem sich zwar darauf freuen, aber nicht zu viel darüber zu lesen, ganz gut.

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  5. Fantastisch! Beim Lesen habe ich mich gleich wieder zurück ins Kino gefühlt, während sich die Mundwinkel höher und höher bewegen. „Birdman“ ist definitiv eine Erfahrung, die man als Filmfreund gemacht haben sollte.

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  6. Ich wollte den Film schon von Anfang an sehen, als ich zum ersten Mal davon gehört habe! Allerdings bin ich nie dazu gekommen… so kann es auch gehen 😉

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  7. Also ein bisschen fühlt man sich bei deiner Erzählung hier in Berlin schon wie im Kino-Schlaraffenland. OV, OmU, blockbustergerechte Riesenleinwände, kleine Arthouse-Kinosäle, hier findet man (fast) alles. 🙂 Und gerade in den kleineren Kinos findet man die guten (wenn auch nicht immer aktuellen) Film abseits dessen, worum sich der Hype gerade dreht. Ich denke aber, dass sich sowas ein Kino auch leisten können muss. Weiter draußen in der Pampa ( 😉 ) muss ein Kino halt die Filme nehmen, für die sich diedortige große Masse interessiert, da haben die „echten“ Kinofans manchmal das Nachsehen. Wobei, wenn ich mir die Bilder vom Kino RIO so anschaue, dann würde ich mir bei den coolen Sesseln dort auch zwei Stunden lang ein Testbild anschauen. 😀

    Zum Film kann ich nur zustimmen, den fand ich auch super. Gerade auch, weil man ihn nicht zwangsweise in der Hollywood-Broadway-Thematik sehen muss, sondern auch genug Stoff rausziehen kann, der eine veritable Midlife-Crisis-Story abdeckt.

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    1. Ja Berlin ist auch das Schlaraffenland, genauso wie jede Großstadt. Ich liebe ja Großstädte schon sehr, wegen der kulturellen Möglichkeiten, habe mich aber eben für das Leben jenseits dieser entschieden. Aber zum Glück gibt es noch Heimkino … und hin und wieder kommt auch hier der eine oder andere gute Film im Kino. Das Rio Kino ist meine letzte Hoffnung und sie spielen (zwar erst im April) auch als einzige Whiplash was mich sehr freut … so lässt es sich dann schon aushalten. Und die Sessel gibt es leider nur in einem der 2 Säle und genau in dem werden die „guten“ Filme leider selten gespielt. Bei Birdman hatte ich Glück. War supergemütlich.

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  8. Ich will den Film auch endlich sehen! Aber bei mir ist es leider auch so ähnlich wie bei dir, hier gibt es in für mich erreichbarer Nähe genau ein kleines Kino (aber mit unglaublicher Beinfreiheit!!), dass kaum mal die Filme zeigt, die ich sehen will…

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    1. 🙂 Dem Film und meiner Begeisterung dafür habe ich einen dieser seltenen guten Texte zu verdanken. Wenn man das Gefühl doch immer so deutlich herauslesen/schreiben könnte …

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  9. Ich finde ja irgendwie, das das Ende nicht Inarritu-mäßig war. Da hätte man eher ein tragischeres Etwas erwartet. Da hat er sich wohl doch ein wenig an den Hollywoodstil angepasst. Aber ansonsten ist der Film schon großartig. Insbesondere Keaton und Stone sind ne Wucht.

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  10. Bei Filmen mit Vorschusslorbeeren weiß ich nie, ob diese auch erfüllt werden, deshalb versuche ich so wenig wie möglich im Vorfeld über einen Film zu wissen. Regisseur und Schauspieler reichen meistens schon zum Gang ins Kino. Allein wegen der Schlägerei zwischen Edward Norton und Michael Keaton ist der Film schon sein Eintrittsgeld wert. BIRDMAN ist wirklich gut, allerdings ist die Kameraarbeit in VICTORIA viel viel besser.

    Hier meine Review zu BIRDMAN: https://filmkompass.wordpress.com/2015/02/02/birdman-2014/

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