Aus dem Nähkästchen geplaudert: Was mir aufgefallen ist … Der Vorarlberger ist nicht gern alleine

Für die die es nicht wissen, Voralberg ist das Österreichische Bundesland in dem ich stationiert bin. Vorarberger sind, wie jedes andere Volk, eigen. Um sich als „typischer“ Vorarlberger bezeichnen zu können, muss man wohl hier geboren und aufgewachsen sein. Was ich oft scherzhaft zu sagen pflege und häufig auch als Ausrede für alles mögliche benutze „Ich bin nicht von hier“, ist eigentlich die Wahrheit. Ich habe mich mittlerweile an die Vorarlberger Mentalität gewöhnt und erkenne hin und wieder sogar ein bisschen den Vorarlberger in mir.

Vorarlberger haben viele Gute und ein paar schlechte Eigenschaften. Eine dieser Eigenschaften (ob gut oder schlecht ist Ansichtssache) ist mir in letzter Zeit besonders aufgefallen. Und zwar ist es so, dass der „typische“ Vorarlberger nicht gerne alleine ist. Wo man hinschaut, ob Shoppen, Wandern, Radfahren, oder Kino, sie sind immer zu zweit. Ein Paar, 2 Freundinnen oder 2 Kollegen, aber immer 2. Die Regel lautet: Wenn man keinen zweiten findet der mitmacht, bleibt man Zuhause und sieht fern, ohne Ausnahme, immer.

Angefangen darüber nachzudenken habe ich als ich meinen Selbstversuch gestartet habe alleine ins Kino zu gehen. Ich war sowas von als einzige alleine im Kino … alle 3 Male. Ob man mich für einen MOF (Mensch ohne Freunde) gehalten hat, weiß ich nicht, darauf habe ich nicht geachtet. Ich war nur froh für 2 Stunden endlich mal wieder nur MEINE Anwesenheit genießen zu dürfen.

Das Ergebnis dieses immerwährenden Zuzweitseins ist, dass das Alleinsein sofort panische Langeweile auslöst und man sich den nächstbesten krallt um die entstandene Leere, sofort und um jeden Preis, zu füllen. Das sorgt natürlich für Konflikte und unnötiges erschaffen der unglückseligen Lückenfüller, was sich prinzipiell gut vermeiden liesse. Kein Wunder, dass sich viele verloren und unerfüllt fühlen, denn wenn man nie alleine ist, wird man sich seiner nie bewusst und lernt sich selbst nie richtig kennen. Zeit für sich zu haben, alleine sein ohne sich gleich vor die Glotze zu hocken um die Zeit zu überbrücken bis Mensch Nummer 2 Zeit hat, kennen viele nicht … behaupte ich.

Dieses Beste Freude Ding scheint für den Vorarlberger essenziell zu sein, denn es gibt kaum jemanden der nicht in Besitz eines solchen ist. Was ist das mit dem/der besten Freund(in)? Genügt es nicht, dass man sich einen Partner fürs Leben suchen muss? Reicht ein Seelenverwandter nicht? Ich für mich genieße lieber die Anwesenheit vieler unterschiedlicher Menschen, je unterschiedlicher desto besser. Und ich liebe jeden Einzelnen für EINE gewisse Eigenschaft. Ich möchte lieber für jede Eigenschaft einen Menschen, als einen Menschen der alle Eigenschaften hat. So bereichere ich meinen Alltag um ein vielfaches, und stelle keine zu hohen Ansprüche an einen einzelnen Menschen, denn wie schon der gute Dostoevskij zu sagen pflegte: „My friend, it’s impossible to love people as they are.“ … Allerdings steckt in jeden etwas liebenswertes.

Ich bin auch gerne zu zweit, für einen Kaffeeklatsch und gezielten Erfahrungsaustausch, gehe aber gerne in der Gruppen Essen, was Trinken oder in den Urlaub. Ins Kino gehen, Wandern (Spazieren) oder Fahrradfahren trau ich mich durchaus auch alleine, denn die Sache an sich ist Unterhaltung genug, dafür braucht man keinen zusätzlichen Gesprächspartner, da kann man gerne mal die eigenen Gedanken genießen.

Man tut sich selbst keinen Gefallen, wenn man nie lernt alleine zu sein, und sich immer wieder als „gesellig“ schönredet. Außerdem verpasst man schlicht und einfach eine menge guter Dinge. Man darf seine Wünsche, seine Abenteuer … sein Glück nicht von anderen abhängig machen. Wieso auch? Man sagt nicht umsonst: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Man lebt ja schließlich nur einmal und das Leben ist zu kurz um es mit warten auf irgendjemand der mitmacht zu verbringen. Und auch hierfür habe ich das passende Zitat, eines russischen Schriftstellers, auf Lager. Tolstoj pflegte nämlich zu sagen: „If you want to be happy, be.“ So einfach ist das.

Ich habe aus meiner heutigen Sicht in Summe viele Jahre meines Lebens damit verbracht zu warten und Dinge nicht zu tun. Heute bereue ich jede Minute in der ich nicht einfach los bin, die ich nicht in bester Gesellschaft und zwar mit mir verbracht habe. So wie ich heute denke, hab ich nicht immer gedacht, weil ich es nicht besser wußte, weil ich nur das kannte was da war als ich mich umgesehen habe. Ich habe es mir oft selbst schwer gemacht … aber auch ich bin älter und weiser geworden. Ich wünschte nur, ich hätte diese Erkenntnis schon etwas früher erlangt, denn dann würde ich heute nicht ständig das Gefühl haben Jahre meines Lebens verschenkt zu haben. Aber ich denke ich kompensiere das heute recht gut indem ich die Zeit, die ich habe sehr viel effektiver nutze. Außerdem habe ich nun die Möglichkeit meinem Sohn dabei zu helfen, viel früher zu dieser Einsicht zu gelangen … ich muss es nur so verpacken, dass er denkt er wäre selbst drauf gekommen, denn auch ich habe erst viel zu spät angefangen auf meine Mama zu hören. Ach Kinder, hört doch einfach auf eure Mütter!!! (nur so am Rande)

The best way to be HAPPY with someone is to learn how to be HAPPY alone. That way the company will be a matter of choice & not necessity.

Advertisements

6 Gedanken zu “Aus dem Nähkästchen geplaudert: Was mir aufgefallen ist … Der Vorarlberger ist nicht gern alleine

  1. Schöne Worte und so wahr! Ich ertappe mich selbst öfter dabei, darauf zu warten, dass sich mal jemand meldet, um nicht alleine raus zu müssen (oder ich ergreife die Initiative). Ich habe gerne Zeit für mich und bin es auch gewohnt allein zu sein, aber wirklich eher zu Hause. Draußen nie so bewusst. Es steckt wohl in jedem von uns ein kleiner Vorarberger 🙂 Wahrscheinlich empfindet man es tatsächlich irgendwie als Makel, allein durch die Welt zu ziehen, blödsinnig eigentlich. Danke für den Denkanstoß und noch einen schönen Sonntag!

    Gefällt 1 Person

  2. Bei mir ist es gerade umgekehrt. Ich liebe die Gesellschaft anderer, allerdings habe ich das Gefühl, wenn ich auf andere warte, passiert nichts. So ziehe ich alleine los. (Als ich zB nach Wien gezogen bin 2004 kannte ich niemanden und das war auch so ein Neubeginn in mein Leben, wie ich es jetzt kenne.) Bei mir ist es aber auch ein bisschen so, dass die Menschen mich immer fragen, was ich machen werde, und dann auch gerne bereitwillig mitmachen. Und ich mache es so oder so. Aber bereuen brauchst du das nicht. (Verstehe ich aber.) Jetzt macht du es eben anders, das passt doch auch.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja perfekt. Dann will ich so werden wie du, wenn ich groß bin. Ich geb mir auf jeden Fall Mühe es jetzt anders zu machen … würde aber besser gehen, aber ich kann mich nicht immer aufraffen. Z.B. alleine Verreisen wäre mal ne Sache … das habe ich noch nie gemacht und habe auch großen Respekt davor.

      Gefällt mir

  3. Ah, das erinnert mich an meine Ängste bevor ich angefangen habe allein ins Kino zu gehen. Naja … ‚Ängste‘ ist jetzt wahrscheinlich übertrieben, aber ich habe mir v.A. Gedanken gemacht, dass Andere es komisch finden würden, wenn ich alleine ins Kino gehe. Aber letztendlich habe ich nach vielen jahren auch gemerkt, dass es mir egal sein kann was andere davon halten und ich ganz gerne mit mir selber unterwegs bin. Und so wurde aus dem alleine ins Kino gehen auch alleine shoppen gehen, alleine eine Städtetour machen und dieses Jahr sogar alleine in den Urlaub fahren. Tatsächlich sind mir da wieder viele Leute begegnet, die das ganz seltsam fanden, dass ich alleine fahre. Bist du ein MOF – ein Mensch ohne Freunde? Warum alleine? Na … weil keiner Zeit hat, oder keiner Geld hat oder keinen das Reiseziel interessierte oder ich die Leute die mitgekommen wäre gar nicht gut genug kenne …. . Aber irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass das ein von der Gesellschaft gar nicht so akzeptiertes Verhalten ist und man ein Sonderling ist. Deswegen habe ich viele Jahre nur damit zugebracht mich zu fragen was andere Leute denken könnten und damit traurig zu sein, dass niemand in den Film xyz mitkommen will etc.
    Total unnötig eigentlich.

    Gefällt 1 Person

    1. Shoppen gehen ich NUR alleine. Da nervt mich jegliche Gesellschaft. Da brauche ich völlige Ruhe. 🙂

      Alleine Verreisen würde ich auch gerne mal … habe ich aber noch großen Respekt davor. Das traue ich mich nicht richtig. Ich beneide dich darum. Wie wars denn? Besser als in Gesellschaft? Was sind die Vorteile? Bestimmt die gleichen wie beim Kino, man kann sich das anschauen was man will, wann man will und sich einfach hinsetzten wenn man müde ist … ach das ist bestimmt auch herrlich!!

      Gefällt mir

Was meinst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s